Nächste Woche werden die Schweizer Filmpreise vergeben. Die Nominationen zeigen: Das hiesige Filmschaffen ist äusserst lebendig. Doch hinter den Kulissen zeichnen sich grosse Veränderungen ab.
Allen voran flattert munter «Der Spatz im Kamin» der Brüder Ramon und Silvan Zürcher mit sechs Nominationen für den Schweizer Filmpreis, der am 21. März in Genf vergeben wird. In der Kategorie «Bester Spielfilm» ist auch der Stop-Motion-Film «Sauvages» mit den liebenswerten Puppenfiguren im Regenwald von Borneo von Claude Barras für den besten Spielfilm nominiert, oder die irrwitzige Geschichte um einen Hund auf der Anklagebank in «Le procès du chien» von Laetitia Dosch. Beide Filme gaben letztes Jahr am Filmfestival in Cannes zu reden.
Bei den Dokumentarfilmen sticht «The Landscape and the Fury» von Nicole Vögele hervor, ein formal wagemutiger Film über die europäische Aussengrenze in Bosnien, der eine aussergewöhnliche Seherfahrung verspricht und an mehreren Festivals bereits Preise gewonnen hat. Oder «E.1027 – Eileen Gray und das Haus am Meer» von Beatrice Minger und Christoph Schaub, der voller Poesie die Vergangenheit als Möglichkeitsraum inszeniert. Und nicht zuletzt die intime Spurensuche in «Wir Erben» von Simon Baumann.
Die Nominationen zeigen: Der Schweizer Film ist experimentierfreudig, vielfältig und äusserst lebendig. Im Kino war 2024 ebenfalls ein gutes Jahr für den Schweizer Film. Mit neun Prozent Marktanteil kam fast jeder zehnte Film aus der Schweiz. Wobei rund die Hälfte davon aufs Konto von drei Filmen geht: die Komödie «Bon Schuur Ticino» von Peter Luisi, «Tschugger – der lätscht Fall» von David Constantin, Johannes Bachmann und Jelena Vujović sowie der Dokfilm «Wisdom of Happiness» von Barbara Miller und Philip Delaquis. Diese publikumswirksamen Filme tauchen einzig mit David Constantin, als bester Schauspieler nominiert, beim Schweizer Filmpreis auf.
Und schliesslich: Auch für die Branche war 2024 ein gutes Jahr. Die Schweiz war Gastland am Marché du Film in Cannes und konnte sich auf der dem wichtigsten Festival fürs Autorenkino angegliederten Messe präsentieren. Und: Die European Film Awards wurden erstmals in der Schweiz vergeben. Das ist gut fürs Image, aber auch für länderübergreifende Co-Produktionen und für den ausländischen Markt.
Alles bestens also? Ja und nein.
Denn hinter den Kulissen stehen grosse Verschiebungen an. Die Digitalisierung hat einen starken Impact, Konsumgewohnheiten ändern sich, es gibt neue Formate, und das Publikum schaut Filme vermehrt im Stream statt im Kino. Und natürlich ist da die künstliche Intelligenz, deren Auswirkungen noch nicht abschätzbar sind.
Geschichten aus dem eigenen Land sind zentral: Sie schaffen Identität, Verbindung und helfen, zu verstehen, wer wir sind. Doch wie gut ist die Schweizer Filmbranche aufgestellt, damit bei neuen Sehgewohnheiten und neuen Kanälen auch in Zukunft solche Geschichten ihr Publikum finden? Das Bundesamt für Kultur (BAK) hat dazu eine umfangreiche Studie anfertigen lassen, die die Schweiz mit umliegenden Ländern vergleicht. Sie liefert einige aufschlussreiche Erkenntnisse und Zahlen.
So lag der Marktanteil von heimischen Filmen im Kino in früheren Jahren tiefer, nämlich bei rund sechs Prozent. Stammte hierzulande also nur rund jeder zwanzigste Film aus dem eigenen Land, ist es in Deutschland jeder vierte und in Dänemark sogar fast jeder dritte Film. Bei den Kinostarts zeigt sich: Im Vergleich zu Deutschland laufen in der Schweiz sehr viel mehr Filme an, was an den Besonderheiten des Landes liegt. Die Schweiz ist ein kleinteiliges Land, mit seinen vier kulturellen Sprachräumen, Unterschieden zwischen Stadt und Land sowie weiteren regionalen oder sozialen Eigenheiten.
Das führt zu der vielleicht wichtigsten Zahl der Studie: Das durchschnittliche Förderbudget, das Spielfilmen zur Verfügung steht, beträgt in der Schweiz kaufkraftbereinigt 880’000 Euro, in Belgien und Deutschland ist es fast doppelt so hoch.
Damit die Schweiz zu einem professionellen Produktionsort wird und hierzulande auch in Zukunft Filme gemacht werden, die neben der internationalen Konkurrenz bestehen, bräuchte es also vor allem: mehr Geld.
Mehr Kosten, weniger Geld
Eine schwierige Ausgangslage, zumal die Zeichen auf Sparen stehen: Die Kulturbotschaft des Bundes, die den Rahmen setzt für die Jahre 2025 bis 2028, wurde gegenüber dem Vernehmlassungsentwurf gekürzt, es folgten zwei weitere Kürzungen über alle Kulturbereiche. Mit dem Entlastungspaket, das aktuell in Vernehmlassung ist, dem sogenannten Gaillard-Bericht, würden die Budgets bis 2030 eingefroren – es gäbe also noch mal weniger Geld. Überdies macht der Bund Kulturschaffenden aller Sparten Auflagen, die durchaus berechtigt sind, aber nicht nur das Filmen verteuern: nämlich faire Löhne, Diversität und ökologische Nachhaltigkeit.
Neue Kanäle, höhere Budgets, weniger Geld – und immer mehr Fördergesuche für immer mehr Filme: Der Spielraum ist klein für Nadine Adler Spiegel und Laurent Steiert, die in einer Co-Leitung beim BAK seit einem Jahr bemüht sind, die Rahmenbedingungen neu auszurichten. In einem betont partnerschaftlichen Prozess mit der Branche haben sie auf Grundlage der Studie definiert, wie der Schweizer Film in die Zukunft geführt werden kann.
Künftig sollen neu Dokumentarserien unterstützt werden, in einem kleinen Rahmen zudem Virtual-Reality- und Augmented-Reality-Formate. Filmschaffende sollen von Anfang an ihr Publikum mitdenken, sie sind explizit zu Familienfilmen oder Genrefilmen wie Komödien oder Horrorfilmen aufgefordert. Und der Schweizer Film soll als Marke gestärkt werden. «Es geht darum, dass man auf einen intensiveren Dialog mit den unterschiedlichen Publikumsgruppen zielt und verständlich wird: «Das sind Schweizer Filme, die du dir anschaust», sagt Nadine Adler Spiegel im Gespräch. Nicht nur im Inland und nicht nur im Kino. Laurent Steiert ergänzt: «Es geht ebenfalls darum, auf Streamingdiensten Nischenpublika auch international besser zu erreichen.»
Die beiden wollen zudem die verschiedenen privaten und regionalen Förderinstitutionen näher zusammenrücken lassen, um die Branche zu stärken – eine Challenge in der föderalistisch geprägten Schweiz. Andere europäische Länder haben ein nationales Filminstitut, das schnell und agil auf die Veränderungen reagieren kann. Die Westschweiz hat mit dem Cinéforum auf regionaler Ebene so etwas erreicht – und ist damit tatsächlich besser aufgestellt für Co-Produktionen mit dem starken Filmland Frankreich, das jüngst mit «Emilia Pérez» einen Oscar-Favoriten hatte. Die Schweizer Oscar-Hoffnung «September 5» von Regisseur Tim Fehlbaum, der für das beste Drehbuch nominiert war, ist hingegen eine deutsch-amerikanische Produktion. Die Herstellung wurde in Deutschland mit mehr als 3,3 Millionen Euro gefördert.
Neue Quellen, neue Strukturen
Ein Gamechanger dürfte hierzulande die sogenannte Lex Netflix sein, die seit letztem Jahr in Kraft ist. Sie verpflichtet Streaming-Plattformen und private Fernsehanbieterinnen, vier Prozent ihres in der Schweiz erzielten Umsatzes in nationales Filmschaffen zu investieren. Geschätzte 17 Millionen und damit rund die Hälfte der Förderbudgets des BAK sollen aus dieser Quelle künftig zur Verfügung stehen. Eine erste Produktion, die mit Lex-Netflix-Geldern zustande kam, ist die Serie «Winter Palace» von Pierre Monnard, produziert von RTS und Netflix.
Das Beispiel schürt aber auch Befürchtungen: Wird mit den neuen Geldern nun auf hohe Zahlen und internationales Publikum zielende Unterhaltung finanziert? Nicht unbedingt, relativiert Laurent Steiert. Wenn eine breit aufgestellte Plattform bestehende Filme einkauft, wirke sich das auch auf das kleine, unabhängige Filmschaffen aus. Bei Eigenproduktionen käme es auf die Veranstalter an: Grosse internationale Firmen wollten vor allem Stoffe, die sie auch im Ausland zeigen können. Einheimische Medienunternehmen hätten eher lokale Interessen.
Doch das wird sich zeigen. Die Lex Netflix hat jedenfalls schon Auswirkungen auf die Branche: Im Herbst haben sich drei hiesige Produktionsfirmen mit zwei deutschen Partnern zu den sogenannten Swiss Studios zusammengeschlossen und sich damit als Ansprechpartner für globale Unternehmen in Position gebracht – mit Erfolg: Ende März lassen sie, ebenfalls mit Lex-Netflix-Geldern finanziert, eine gross aufgegleiste Produktion zunächst im Kino anlaufen, die Dokuserie «Game Over – Der Fall der Credit Suisse». Partner ist zudem das Medienhaus Tamedia, das die Recherche liefert und aus der Kooperation mindestens Publizität und Prestige ziehen dürfte. Die Serie ist auch mit öffentlichen Geldern finanziert.
Zu einer weiteren grossen Verschiebung im Schweizer Filmbusiness dürfte die Wirtschaftsförderung werden, die erst zaghaft angelaufen ist. Noch immer wird Film hierzulande vor allem als Kulturschaffen gesehen. Doch Film ist ein Medium, in dem sich Kunst und Wirtschaft wie in keiner anderen Sparte verzahnen. Filmt ein Drehteam vor Ort, haben sie Ausgaben und kurbeln die lokale Wirtschaft und die Produktionswirtschaft an. Im Idealfall profitiert indirekt zudem der Tourismus. Das zeigt sich zum Beispiel in Iseltwald: Der Bootssteg des Dorfs glänzt in einer koreanischen Netflix-Serie, was am Brienzersee zeitweilig zu Overtourism geführt hat, das Dorf wurde von Touristinnen überrannt.
Immer wieder spielen Filme zwar in der Schweiz, wurden aber im Ausland gedreht, im Aostatal beispielsweise oder in Slowenien. So jüngst eine britische Verfilmung von «Wilhelm Tell», für die in Italien ein Altdorf im Studio nachgebaut wurde. Im Ausland sind die Lohnkosten tiefer, viele Länder kennen zudem eine substanzielle Wirtschaftsförderung für Filmproduktionen oder steuerliche Anreize. Österreich investierte im vergangenen Jahr beispielsweise 90 Millionen Euro. In der Schweiz hingegen gibt es gerade mal eine kulturelle Standortförderung von aktuell 6 Millionen Franken.
Hier liegt also viel Potenzial. Initiativen beginnen in der Schweiz gerade erst zu greifen. Das Netzwerk der Switzerland Film Commissions, das sich darum bemüht, Filmdrehs ins Land zu holen, wurde 2021 gegründet. Im Tessin gibt es die Ticino Film Commission seit 2014, im Wallis die Valais Film Commission seit 2021. Diese ist mit rund einer Million Franken sehr tief dotiert, hat aber «Sauvages» oder «Winter Palace» fördern können. Je nach Projekt sollen dabei für jeden investierten Walliser Franken bis zu sieben Franken vor Ort ausgegeben worden sein. Eine Studie der Film Commission Zurich zeigt: Mit jedem Vollzeitarbeitsplatz in der Filmbranche ist eine 50-Prozent-Stelle in einer anderen Branche verbunden.
Bekenntnis zu Vielfalt
In der Filmbranche wecken diese Verschiebungen Hoffnungen, manche sprechen gar von Goldgräberstimmung, es gibt aber auch Ängste. Auch fürs Publikum stellt sich die Frage, wie weit es künftig Geschichten aus der Schweiz, die keine hohen Publikumszahlen erreichen, aber bei einer bestimmten Community etwas auslösen, oder künstlerisch innovatives Filmschaffen aus unabhängigen Produktionsfirmen zu sehen bekommt. Der für den Filmpreis nominierte «Spatz im Kamin» oder auch «Les Paradis de Diane» von Carmen Jacquier und Jan Gassmann oder der Dokumentarfilm «Wir Erben»: Das sind alles Filme, die von kleinen Produktionsteams, wie sie für die Schweiz typisch sind, gestemmt wurden.
«Wir wollen Vielfalt», betont Nadine Adler Spiegel. Es entspricht dem Bekenntnis des Bundes zu kultureller Teilhabe in allen Bevölkerungssegmenten. Und wenn die Marke Schweizer Film gestärkt wird, so die Hoffnung, hilft das auch kleinen Filmen für ein Nischenpublikum. Laurent Steiert ergänzt: Im Idealfall finanziert die Lex Netflix grosse fiktionale Serien, sodass die kulturellen Fördergelder für unabhängige Produktionen zur Verfügung stehen.
Das ist alles noch Zukunftsmusik. Aktuell hängt allerdings auch die Zukunft der SRG wie ein Damoklesschwert über der Branche. Anfang Februar gab SRF substanzielle Kürzungen in der Berichterstattung zu Film und Serien bekannt, was die Bekanntmachung und den Diskurs über Schweizer Filmschaffen direkt betrifft, den das BAK ja gerade stärken möchte.
Hängig ist aber auch die Halbierungsinitiative, die die Gebührengelder für die SRG massiv reduzieren will. Die SRG fördert Schweizer Filmschaffen in ähnlicher Höhe wie das BAK sowie mit zusätzlichen Mitteln für Serien. Damit stammt rund ein Drittel der Mittel für Schweizer Filmschaffen von der SRG. Wie sich eine weitere Kürzung der Gebühren auf das Filmschaffen auswirken würde, ist offen.
Von den beim Schweizer Filmpreis für den besten Spielfilm und für den besten Dokumentarfilm nominierten Filmen wurden alle mit Geldern der SRG gefördert. Im Vorfeld der Preisverleihung sind die nominierten Filme im Rahmen der «Woche der Nominierten» in Zürich und Carouge GE zu sehen. Das wäre schon mal ein Schaufenster auf den Schweizer Film.
Zur «Woche der Nominierten»: Die für den Schweizer Filmpreis nominierten Filme sind zu einem reduzierten Eintrittspreis zu sehen, 17. bis 23. März, Filmpodium in Zürich und Cinema Bio in Carouge GE.
Publiziert auf republik.ch, 14. März 2025

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