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Glamour, Glanz und Grausamkeit der Popkultur

In den Nullerjahren grassierte der Sexismus im Mainstream. Die perfide Systematik dahinter deckt Sophie Gilbert in ihrem Buch «Girl on Girl» auf. Heute drängt der Frauenhass wieder mit neuer Kraft in die Mitte der Gesellschaft.

Was sie störe, sei, dass es wieder nur um die männliche Perspektive ginge. Sie seien die ganze Zeit der Denkweise des Täters gefolgt. Das Opfer sei nicht wichtig: Das sagt die Polizistin in der britischen Serie «Adolescence», die diesen Frühling die Streamingcharts stürmte. Mit mehr als 142 Millionen Zugriffen belegt sie mittlerweile den zweiten Platz der weltweit erfolgreichsten Netflix-Serien aller Zeiten. «Adolescence» erzählt von einem 13-jährigen Jungen, der ein Mädchen aus seiner Klasse mit einem Messer ersticht. Vorlage sind reale Fälle in Grossbritannien. Der britische Premierminister Keir Starmer schaute sich mit seinen Teenagerkindern die vierteilige Serie an und sprach darüber im Parlament. In der Folge kam es zu einer landesweiten Debatte über ein Smartphone-Verbot an Schulen und die Einführung eines digitalen Schutzalters.

In «Adolescence» radikalisiert sich der 13-jährige Jamie unbemerkt von seinen Eltern im Internet. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Incel-Bewegung. Sie ist der Kern der sogenannten Manosphere, einem Sammelbegriff für verschiedene Online-Communitys, die der Hass auf Frauen eint. Incels – involuntary celibate men – sehen sich selbst als unfreiwillig ohne Liebesbeziehung beziehungsweise ohne Sex, was ihnen aufgrund ihres Geschlechts, so ihre Vorstellung, zusteht. Eindringlich führt das die dritte Folge der Serie vor Augen, wo eine Psychiaterin mit Jamie spricht, um ein Gutachten zu erstellen. Jamie passt es nicht, dass sie Macht über ihn hat. Wiederholt verlangt er von ihr, dass sie ihm sagt, sie fände ihn hübsch und liebenswert. Sie tut das nicht, was ihn jeweils zum Ausrasten bringt.

Die Szene wirkt verstörend, insbesondere angesichts des kleinen Jungen, der sich bei seiner Verhaftung durch die Polizei einnässt und als special treat im Gespräch mit der Psychiaterin eine heisse Schokolade mit Marshmallows nuckelt. Doch es ist nicht lange her, dass die Vorstellung, Frauen müssten Männern sexuell und anderweitig zu Diensten stehen, Mainstream war und darin pausenlos und praktisch ohne Alternative propagiert wurde. Die britische «Atlantic»-Journalistin Sophie Gilbert hat soeben das Buch «Girl on Girl. How Pop Culture Turned a Generation of Women Against Themselves» (deutsch: «Girl vs. Girl. Wie Popkultur Frauen gegeneinander aufbringt») publiziert, in dem sie eine erschlagende Zahl von Beispielen aus der Popkultur der vergangenen gut 30 Jahre zusammenträgt.

Insbesondere in Musik, Mode, Film bis hin zum Porno, im Reality-TV und in den Medien der späten 1990er- und der Nullerjahre grassierte eine erschütternde Misogynie, zu der Frauen zuweilen bereitwillig selbst beitrugen. Gilbert schreibt, dass «die Art Macht, die in der Popkultur an der Schwelle zum 21. Jahrhundert fetischisiert wurde, nicht jene war, die man sich im Laufe seines Lebens aneignen konnte, etwa durch Bildung, Geld oder Berufserfahrung, sondern dass es um Jugend, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft ging, mitzumachen». Ihre umfangreichen Recherchen führten die Journalistin zu der Frage: «Warum orientiert sich fast jedes kulturelle Produkt so dermassen am männlichen Verlangen und der männlichen Lust?» Und sie kommt zum Schluss: Der Postfeminismus habe sich als Gegenbewegung definiert, bei der Frauen zu «wahllosem Sex, hemmungslosem Geldausgeben und entweder stereotyper Mädchenhaftigkeit oder offenherziger Sexyness angeregt wurden». All diese Punkte seien mit Nachdruck als «Empowerment» verkauft worden. Selbstobjektifizierung als vermeintliche Befreiung.

Der Backlash der Nullerjahre

Dieser Backlash wurde vorangetrieben, nachdem die Frauenbewegung vor allem in der rechtlichen Besserstellung und politischen Teilhabe weltweit substanzielle Erfolge erzielt hatte. Die Meinung, Gleichstellung sei weitgehend erreicht, war verbreitet. Frauenaktivismus wurde zunehmend als unpopulär wahrgenommen, ein diffuses Gefühl breitete sich aus, Feminismus würde die Freiheiten von Frauen einschränken.

Vielleicht am anschaulichsten führt Sophie Gilbert den damaligen Rückschritt im Wandel des Begriffs Girl Power vor Augen. In ihrem Buch lässt sich nachlesen, wie Girl Power ursprünglich von der US-amerikanischen Punkband Bikini Kill im Kontext der Riot-Grrrl-Bewegung geprägt wurde, die für mehr Selbstbestimmung, bessere Produktionsbedingungen und strukturelle Veränderungen für Musikerinnen in der Branche kämpfte und in ihren Fanzines darüber schrieb. Rund zwanzig Jahre später propagierten auch die Spice Girls Girl Power – eine Frauenband, die von einem Vater-Sohn-Produzentenduo über eine Ausschreibung zusammengestellt worden war. Bei den Spice-Girls signalisierte Girl Power keine struktur- und gesellschaftsverändernde Kraft mehr. Girl Power war nun eine flirrende, individualistische und vermeintliche Freiheit, verknüpft mit konventioneller Sexyness, abgestimmt auf den männlichen Blick.

Gilbert zeigt: Nicht nur in der Musik, auch in vielen weiteren Feldern wurden starke Frauen, die sich eine mächtige Verhandlungsposition erschaffen hatten, im Lauf der späten 1990er-Jahre durch Mädchen in den Händen von zumeist Männern ersetzt, die fortan die kulturellen Leitbilder prägten – eine Entwicklung, bei der auch Aids eine Rolle gespielt haben dürfte. Mächtige Pop-Ikonen wie Janet Jackson oder Madonna, die 1992 ihren Bildband «Sex» publizierte, in dem sie selbstbestimmt autofiktionale weibliche Fantasien zelebrierte, rückten in den Hintergrund, ebenso Figuren wie Kimberlé Crenshaw, die 1989 den Begriff Intersektionalität prägte und den Blick auf die Mehrfachdiskriminierung von Women of Colour lenkte.

Auf die Bühnen der Popkultur drängten nunmehr sehr junge Frauen, die kaum in der Lage waren, für ihre eigenen Interessen einzustehen und deren Macht zunehmend in ihrer Bereitschaft gründete, alles mitzumachen – neben den Spice Girls auch Britney Spears beispielsweise, die als Teenager zur Princess of Pop wurde, oder Kate Moss, deren Ruhm mit einem übergriffigen Fotoshooting von ihr als 16-Jähriger seinen Anfang nahm, später in den Nullerjahren die Pornodarstellerin Sasha Grey, die ihre Vorliebe für extreme Szenen als weibliche Befreiung ausrief. Brocoms wie «American Pie» und Folgeserien traten auf den Plan, also Komödien über Boygroups, die Wetten abschlossen, wer zuerst ein Mädchen «flachlegen» konnte, und in denen Frauen als Mittel und Hindernis auf dem Weg zu der ihnen zustehenden Männlichkeit dargestellt wurden.

Expliziter Sex in Filmen nahm zu, zeitgleich entwickelte sich in der Pornobranche besonders herabwürdigendes und gewaltvolles Verhalten gegenüber Frauen, und im Horrorfilm entstand das neue Subgenre des Torture Porn, was so tief in die Gesellschaft sickerte, dass es, wie die sexualisierten Bilder aus dem Gefangenenlager Abu Ghraib zeigten, auch im Verhalten gegenüber anderen Kulturen zum Vorschein kam, schreibt Gilbert.

In der Mode rutschte der Hosenbund auf Hüfthöhe und gab den kalkulierten Blick frei auf den sogenannten whale tail des strings. Und: Reality-TV trat seinen Siegeszug an, mit Shows wie «The Swan», wo Frauen ihren Körper in die Hände von Schönheitschirurgen übergaben und danach in Wettbewerben gegeneinander antraten. Oder «Who Wants to Marry a Multi-Millionaire?», wo 50, teils durchaus gut ausgebildete Frauen um die Heirat mit einem unbekannten Mann konkurrierten, gegen den, wie sich herausstellen sollte, Anschuldigungen wegen sexueller Gewalt vorlagen. Das Grundprinzip dieser Show lebt im «Bachelor» bis heute weiter – auch wenn es seit 2003 in den USA auch eine «Bachelorette» gibt.

Der Tiefpunkt der Mysogynie der Nullerjahre verdichtete sich um das Jahr 2007, schreibt Gilbert, als ein Sternchen und Star nach dem anderen zusammenbrach – sinnbildlich verkörpert in Britney Spears, die sich vor den Kameras der Paparazzi die Haare und damit die begehrenswerte Weiblichkeit abrasiert. Insbesondere die Bilder dieser öffentlichen Selbstdemontage des It-Girls waren ein lukratives Geschäft und veranschaulichen ein weiteres grausames Phänomen der Nullerjahre: die Medien, die aus ihrer entfesselten Jagd auf Prominente Kapital schlugen. Was zu uns hinübergeschwappt ist. Man denke an Jolanda Spiess-Hegglin, die wie eine Löwin um die Deutungshoheit und Gewinnherausgabe des auf ihre Kosten gemachten Profits seit 2014 kämpft. Frauen wurden als Objekte dargestellt, die man – «gern auch gleichzeitig – anschauen, verachten, sexualisieren und nachahmen soll», schreibt Gilbert.

So sah sie aus, die Popkultur der Nullerjahre, wie sie Sophie Gilbert in ihrer ungeheuer kenntnisreichen Recherche aufrollt. Kaum Gegennarrative seien in der damaligen Zeit formuliert worden, schreibt sie. Es ist die Kultur, mit der die Generation der Millennials aufgewachsen ist, zu der die Journalistin selbst gehört. Befeuert wurde sie vom Aufkommen neuer Medienformate – nach MTV und Reality-TV wanderte sie mit den neuen Social-Media-Plattformen ins Internet.

Maskulinistische Foren

Es lässt sich durchaus eine Linie ziehen von dieser toxischen Kultur zu den heutigen Auswüchsen in maskulinistischen Foren, wie sie in «Adolescence» genannt werden. Eine aktuelle Studie einer führenden Organisation für Männergesundheit mit jungen Männern zwischen 16 und 25 Jahren in Grossbritannien, den USA und Australien zeigt, maskulinistische Tendenzen sind kein Randphänomen: 63 Prozent der Teilnehmer der Studie schauen Inhalte von maskulinistischen Influencern, knapp die Hälfte findet diese Influencer motivierend. Zu den Inhalten gehören Mainstreamthemen wie Fitness, finanzieller Erfolg oder Beziehungen. Viele der Teilnehmer, die mit den Influencern interagieren, sehen Unabhängigkeit als wichtige Verkörperung von Männlichkeit. Gefühle zu zeigen, verbinden sie mit Schwäche und Versagen. Und ein gutes Viertel gab an, Minderwertigkeitsgefühle zu empfinden. Für die Schweiz wird eine vergleichbare Studie gerade erst durchgeführt. Männerorganisationen gehen von rund 40 Prozent Anhängern oder Zugewandten von maskulinistischen Ideologien aus.

Diese Kultur radikalisiert sich im Netz mit Figuren wie dem ehemaligen Kickboxer Andrew Tate, der sich auf X, wo er mehr als 10 Millionen Follower hat, als Beispiel für die «Flucht aus der Sklaverei» ausruft. 2016 nahm Tate an der Reality-Show «Big Brother» teil, obwohl er zuvor bereits zweimal in Grossbritannien wegen Körperverletzung und Vergewaltigungsvorwürfen festgenommen worden war. Aktuell laufen gegen ihn und seinen Bruder in mehreren Ländern Strafverfahren wegen Verdachts auf Menschenhandel, Vergewaltigung und organisierter Kriminalität.

Neu ist die Unverfrorenheit, doch die Kultur wurzelt in tradierten und tief verankerten Archetypen. Das deutet die Serie «Adolescence» an. Jamies Vater ebenso wie der ermittelnde Polizist haben beide muskelbepackte Körper, mit denen sie physische Stärke ausstrahlen, Jamies Vater hat selbst Wutausbrüche. Beide Väter können mit ihren Söhnen nicht über Gefühle reden. Jamies Vater sieht die Zuständigkeit dafür bei seiner Frau. Und in der Schule wird die Polizistin übergangen, notabene von der Direktorin, einer Frau.

Insbesondere in der jungen Generation driften Jungen und Mädchen weltweit auseinander. Der Männerpsychologe Markus Theunert, der vor 20 Jahren die progressive Organisation männer.chgegründet hat, sagt, das Tragische an den maskulinistischen Ideologien sei, dass die jungen Männer betrogen würden. Was ihnen als Erfolgsmodell verkauft werde, komme bei Frauen immer weniger an. Zwar gibt es auch heute noch Frauen, die traditionelle Rollen einnehmen wollen, wie beispielsweise die sogenannten Tradwives, aber, so Theunert: «Ganz viele dieser jungen Männer werden schlicht kein weibliches Gegenüber finden, das das mit sich machen lässt

Vor zwei Jahren hat Markus Theunert das Buch «Jungs, wir schaffen das» publiziert, mit dem er Männer direkt ansprechen will. Es gehe nicht um ein bestimmtes Bild, wie der neue Mann sein soll, sondern darum, Kompetenzen zu vermitteln, wie Männer aus patriarchalen Prägungen herauswachsen können, sagt er. Männer müssten lernen, für sich selbst zu sorgen und sich nicht auf weibliche Zuwendung zu stützen. Sie sollten die eigene privilegierte Position reflektieren undbegrenzen sowie den Drang abgeben, alles unter Kontrolle haben zu müssen, und vertrauen. Dabei könnten Männer nur gewinnen, betont Theunert: Progressive Männlichkeit führe zu weniger Gewalt, besserer Gesundheit und mehr Lebensperspektiven.

In Grossbritannien soll der Umgang mit toxischer Männlichkeit und Sexismus in den Lehrplan aufgenommen werden. Australien hat bereits Schulfächer zu Sexismus eingeführt.

Der entscheidende Punkt, den Sophie Gilbert macht, ist, wie Frauen selbst bei ihrer Herabsetzung mitwirkten, beziehungsweise wie anfänglich emanzipatorische Impulse gegen sie selbst gewendet wurden. Schon der selbstbestimmte und bewusst provozierende Bildband «Sex» von Madonna habe womöglich gegen die ursprüngliche Intention zu der Welle der Selbstobjektifizierung der Nullerjahre beigetragen, argumentiert sie. Die Freizügigkeit setzte den Ton.

Ambivalente emanzipatorische Strategien

In den 2010er-Jahren kam eine Welle autofiktionaler Offenbarungen auf, mit denen allen voran Autorinnen über die Selbstentblössung politische Kommentare setzten. Sheila Heti beispielsweise, mit ihrem Roman «Wie sollten wir sein?», in dem die kanadische Autorin die Obszönität der Ansprüche an Frauen ausstellt und ihr Alter Ego mit dem einzigen Wunsch, eine Berühmtheit zu werden, durch die von der Gesellschaft formulierten Anforderungen stolpern lässt. Zuletzt findet sie ihre Nische: als Blowjob-Künstlerin. Oder Lena Dunham mit ihrer Erfolgsserie «Girls», die in den USA zeitgleich mit Hetis Autofiktion auf den Markt kam. Der Flut der für den male gaze zurechtoptimierten Weiblichkeitsbilder setzt Dunham ein authentisches Frauenleben entgegen.

Kulturelle Entwicklungen sind nie eindeutig, sie sind immer von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen gezeichnet, von fortschrittlichen und rückläufigen Bewegungen. Gilbert schreibt, der Boom der Autofiktion habe zweifellos den Weg bereitet für den Erfolg der Selbstoffenbarungen unter dem Hashtag #MeToo. Mehr als 200 Männer verloren wegen dieser Bewegung ihre Machtposition, und rund die Hälfte von ihnen wurde durch Frauen ersetzt, wie die «New York Times» ein Jahr später vorrechnete. Dennoch stellt auch dieses neu belebte Genre eine Form der Selbstausbeutung dar. Zudem birgt es die Gefahr, demütigende Erlebnisse als konstitutiven Teil einer weiblichen Erfahrung festzuschreiben.

Eine der ersten Amtshandlungen von Donald Trump in seiner zweiten Amtszeit war, die Gleichstellungsprogramme der Regierung abzuschaffen, wie es vor ihm schon Javier Milei in Argentinien undViktor Orbán in Ungarn getan hatten. Trump ist bekanntlich mit dem Reality-TV gross geworden. Er ist verurteilter Straftäter, und mehrere Vorwürfe sexueller Übergriffe liegen gegen ihn vor. Mutmasslich hat Trump die Ausreise der Tate-Brüder ermöglicht, die in Rumänien mit einem Reiseverbot belegt waren. Zuletzt hat er dem Rapper Sean «Diddy» Combs, der sich kürzlich vor Gericht wegen Vorwürfen der Vergewaltigung und des Menschenhandels verantworten musste, zumindest verbal die Hand gereicht.

Die US-amerikanische Kultur sei seit jeher vom Virus der Furcht und der Abscheu vor dem Feminismus infiziert gewesen, zitiert Gilbert die Journalistin und Pulitzer-Preisträgerin Susan Faludi aus deren Buch «Backlash» von 1991. Die Symptome würden in periodischen Abständen wieder auftauchen, Auslöser sei stets «die – richtige oder falsche – Beobachtung, dass die Frauen grosse Fortschritte machten». So zeigen die Einstellungen der Gleichstellungsprogramme im Umkehrschluss, wo diese Autokraten die grösste Bedrohung und womöglich tatsächlich das grösste Potenzial zur Veränderung des gesellschaftlichen Machtgefüges sehen. Denn das erscheint als zentrale Erkenntnis von Sophie Gilberts Buch: Solange die reale geschlechtsspezifische Macht ungleich verteilt ist, wird sich jede individuelle emanzipatorische Strategie früher oder später gegen Frauen richten.

Der Einfluss von kulturellen Bildern und Erzählungen lässt sich direkt in den Referenzen von kulturellen Bewegungen ablesen. In «Adolescence» taucht die sogenannte Red-Pill-Theory auf, sie ist ein zentrales Element der Ikonografie der Incel-Bewegung. Die Theorie geht zurück auf den Science-Fiction-Film «Matrix» von 1999, in dem die Hauptfigur vor die Wahl gestellt wird, die rote oder die blaue Pille zu schlucken – die rote Pille soll zur Erkenntnis der Wahrheit führen, während die blaue Pille einen in unwissender Knechtschaft weiterdämmern lässt. Die Incel-Community rückte erstmals ins öffentliche Bewusstsein, als 2014 in Kalifornien ein 22-Jähriger bei den sogenannten Isla-Vista-Morden in einem Amoklauf sechs Menschen tötete, 14 Menschen verletzte und schliesslich sich selbst umbrachte. In einem Manifest, das er hinterliess, sprach er von einem Krieg gegen Frauen. Der 137 Seiten lange Text war gespickt mit Details aus Filmen und weiteren popkulturellen Verweisen, die seine Vorstellungen von Sex und Macht geprägt hatten.

Im Filmbusiness haben Frauen zwar an Boden gewonnen. So zeigt eine Studie, dass in den letzten zehn Jahren die Zahl der Frauen hinter der Kamera in Grossbritannien von 8,3 Prozent auf 32,3 Prozent gestiegen ist, in den USA immerhin von 8,5 Prozent auf 16,2 Prozent. Bei Festivals wie Cannes oder Venedig stammten über die letzten zehn Jahre jedoch nur rund 20 Prozent der Filme von Frauen. Und bei renommierten Preisen wie den Oscars oder den BAFTAs gingen nur 14,8 Prozent der Nominationen für die beste Regie an eine Frau.

Man erinnert sich womöglich, wie heftig Forderungen nach Quotenregelungen in den 2010er-Jahren umstritten waren und wie sich auch nicht wenige Frauen öffentlich gegen diese aussprachen. Mittlerweile zeigen Quoten oder zumindest das Monitoring der Geschlechter erste Erfolge, nicht zuletzt in der Popkultur. Gerade das letzte Jahr mit vielen starken Filmen von Regisseurinnen hat gezeigt: Mit Frauen – oder People of Colour und nonbinären Personen an Schaltstellen wie Produktion, Regie oder Hauptrolle – gelangen andere Geschichten und andere Vorbilder auf Leinwand und Bildschirme.

Die letztjährigen Filme thematisierten vor allem die Zerrissenheit von Frauen, visuell furios in Szene gesetzt mit einem grotesken Fleischknäuel in «The Substance» von der Französin Coralie Fargeat. Oder in «Babygirl» von Halina Reijn, wo die von Nicole Kidman gespielten Romy von ihren Unterwerfungsfantasien eingeholt wird. Romy wirkt wie die Verkörperung von Sheryl Sandbergs «Lean In»-Ideologie. Das gleichnamige Buch, in dem die damalige Facebook-CEO einen Feminismus propagiert, in dem sich Frauen in ausbeuterische Systeme «reinhängen» sollen, war zur Bibel der 2010er-Jahre avanciert. Oscar-Gewinner «Anora» von Sean Baker hingegen erinnert derweil eher an den sexpositiven Backlash der Nullerjahre. Zu der mädchenhaften Hauptdarstellerin Mikey Madison und den vielen sexualisierten Szenen, die mit ironischem Zwinkern den männlichen Blick bedienen, passt, dass Madison sich dazu bekannt hat, auf Intimacy Coordinators zu verzichten, während Stunt Coordinators kaum jemand infrage stellt.

«Worauf ich immer wieder zurückkomme, ist, wie wenig kulturelle Darstellungen es noch gibt, in denen Frauen Macht ergreifen wollen und innehaben», schreibt Sophie Gilbert in ihrem Buch. Positive Beispiele, müsste man vielleicht ergänzen: Es fallen einem tatsächlich nicht viele ein. Mit freudiger Antizipation sehen wir also weiteren mächtigen Frauenfiguren in der Popkultur entgegen – wenn aktuell nicht aus den USA, dann gern aus anderen Ländern.

Sophie Gilbert: «Girl vs. Girl. Wie Popkultur Frauen gegeneinander aufbringt». Piper, München 2025. 336 Seiten, ca. 28 Franken.

Markus Theunert: «Jungs, wir schaffen das. Ein Kompass für Männer von heute». Kohlhammer, Stuttgart 2023. 251 Seiten, ca. 32 Franken.

Philip Barantini (Regie), Stephen Graham, Jack Thorne (Stoffentwicklung): «Adolescence». Mit Owen Cooper, Stephen Graham, Ashley Walters u. a. Netflix, 1 Staffel, 4 Episoden zwischen 51 und 65 Minuten.

Publiziert auf republik.ch, 21. Juli 2025

Das Online-Magazin wählte den Essay für seine Werbekampagne 2025 aus.

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